Cádiz, Stadt mit Wärme und Weitblick

In  mancher Hinsicht sind Städte wie Menschen. Beide teilen sich Äußerlichkeiten wie sauber, hässlich, hektisch oder gepflegt etc.. Interessanter sind aber Merkmale, die nicht gleich ins Auge fallen. So können Städte auch eine Ausstrahlung haben, und Cádiz ist so eine Stadt mit Ausstrahlung.

Woran sich das festmachen lässt? Keine einfache Frage. Aber kennt das nicht jeder? Man kommt irgendwo an, versucht sich zu orientieren, geht ein wenig durch die Straßen, und im besten Fall stellt sich so eine Art Wohlgefühl ein. Hier würde ich gerne eine Weile bleiben, ist dann der nächste Gedanke. So ging es uns mit Cádiz. Ein paar Monate auf dem Schiff oder in einer Pension wohnen, Spanischkurs machen, sich treiben lassen, und und … Aber der Reihe nach!

Cádiz ist eine wirklich alte Stadt im alten Europa. Jahreszahlen lassen wir hier weg, aber im Mittelalter war die Historie schon lang. Ihre Lage weckte die Begehrlichkeiten. Sie ist nahezu vollständig vom Wasser umgeben. Im Westen der Atlantik, und im Osten ein riesiges, lagunenartiges Gewässer: die Bucht von Cádiz. In der Konsequenz bedeutete das große Schwierigkeiten für Neider und Feinde, da hin und vor allem hinein zu gelangen, andererseits bietet das ideale Möglichkeiten für die Schifffahrt inklusive eines sicheren Naturhafens. Wie so oft waren es dann die Kaufleute, die sich hier in großer Zahl niederließen und regen Handel mit fremden Ländern und den eigenen Überseekolonien insbesondere in Amerika betrieben.

In der heutigen Zeit wird Alter und Beschränktheit in Fläche zum Segen. Es bleibt kaum eine Chance für korrupte Bauunternehmer, Stadtplaner und Architekten, signifikante Bausünden zu begehen, wie sonst überall in Spanien. Irgendwie haben die es zwar trotzdem hingekriegt, im inneren Bereich der Markthalle von Cádiz, die die älteste in ganz Spanien ist, einen Kasten hinzusetzen, der den Charme eines Lok-Schuppens hat. Wie lange er es schafft, nicht zusammen zu fallen, ist nochmals eine andere Frage. Und es sind gottseidank Einzelfälle. Ansonsten zeigt sich die Altstadt erfreulich homogen und geschlossen.

Aus der Perspektive des Fußgängers gesehen fallen zunächst ein paar Konstanten auf. An fast allen Häusern finden sich die alten Straßenlaternen und außerdem kleine vorspringende Erker, die ausschauen wie  sehr schmale Balkone, welche man nachträglich mit Holzverkleidungen zu etwas gemacht hat, was gemeinhin unter dem Begriff „Wintergarten“ läuft. Die mit Kopfsteinen gepflasterten Straßen sind eng, es passt gerade ein Auto durch, öffnen sich aber oft ganz überraschend zu großen und großzügigen Plätzen. Eine sehr gelungene Dialektik im Städtebau wurde da vor mehr als Tausend Jahren gepflegt, von der sich mancher Stadtplaner heute was abschauen könnte.

Was aber das wirklich Besondere an Cádiz ist, eröffnet sich dem ahnungslosen Reisenden erst auf den zweiten Blick, nämlich dem über die Dächer. Auf der Liste der wichtigsten Sehenswürdigkeiten (ja, so was lesen wir verschämt auch) steht der Torre Tavira, der dank seines Standpunktes auf der höchsten Erhebung von Cádiz von enormen 45 Metern zu einem der drei historischen Wachtürmen der Stadt gehört. Und von da aus gesehen zeigt sich Erstaunliches. Die Dächer der Altstadt sind gespickt mit Türmen!

Die Handelsleute im Mittelalter waren natürlich erpicht, möglichst frühzeitig Kenntnis von der bevorstehenden Ankunft ihrer Schiffe zu bekommen. Was lag da näher, als einen Aussichtsturm aufs traditionelle Flachdach zu bauen, von dem man bis zum Horizont schauen konnte. Schon bald zierte nahezu jedes Haus ein solcher Turm, wobei es unterschiedliche Typen gab. Nur Turm, Turm mit Türmchen, Turm mit Terrasse und Kombinationen aus allem. Heute existieren noch 126 dieser alten Türme, die der Silhouette der Stadt eine einmaliges Gepräge geben.

In diesem schönen Ambiente wohnen, so scheint es, zufriedene Menschen. Die Bevölkerung besteht aus einem guten Mix von Einheimischen, Studenten und einer überschaubaren Menge an Touristen, diese vor allem von Kreuzfahrtschiffen. Die männlichen Gatidanos – so nennen sich die Einwohner von Cádiz – haben Zeit zum Angeln und einem angelegentlichen Schläfchen auf öffentlichen Bänken (ob freiwillig oder nicht, ist eine ganz andere Frage). Abends füllen sich die Plätze mit Familien inklusive einer unendlichen Menge von Kindern, und hier wird offensichtlich, dass gute Laune und Fröhlichkeit in der aktuellen Wirtschaftskrise noch nicht völlig abhanden gekommen sind. Das lässt diese Stadt ihre Besucher spüren, und das macht sie so warm und sympathisch.

1 Antwort
  1. Heike
    Heike sagte:

    Da bekommt man doch gleich Lust auf’s Reisen. Wir sind ja auch schon seit zwei Tagen wieder zuhause…
    Wie verhaelt es sich denn mit den Temperaturen momentan (man vergebe mir falls ich irgendwann mal was ueberlesen haben sollte)?

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